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Verdeckte Spuren entdecken

Ann-Kathrin und Luisa berichten von der Führung des Zusatzkurses Geschichte entlang der Bocholter Stolpersteine.


Mit insgesamt 49 Stolpersteinen legt die Stadt Bocholt historische Spuren, deren Intention es ist, an ehemalige jüdische Mitbürger*innen Bocholts, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, zu gedenken, und uns somit heutzutage noch an die schreckliche Verfolgung von Minderheiten während des Nationalsozialismus zu erinnern.

Und genau das hat sich der Zusatzkurs von Herrn Haring am 11.03.2020 unter dem Motto „Verdeckte Spuren entdecken“ und unter der Leitung von Hermann Oechtering zur Aufgabe gemacht.

Unser erster Halt war die Osterstraße, in der uns über die fünfköpfige Familie Löwenstein berichtet wurde. Bertold Löwenstein, der als Geschäftsmann, festes Mitglied im Schützenverein und freiwilliger Offizier im Ersten Weltkrieg, eine anerkannte Persönlichkeit in Bocholt darstellte, besaß ein gut besuchtes Manufakturwarenhaus in der Oster-straße. Auch seine Tochter Greta Löwenstein hatte eine normale Kindheit, in der sie integriert aufwuchs und lediglich in der Schule vom Religionsunterricht freigesprochen wurde. Jedoch veränderte sich das Leben nach der „Machtergreifung“ Hitlers 1933 schlagartig: Nur knapp zwei Monate nach seiner Ernennung zum Reichskanzler fand am 01.04.1933 der reichsweite Boykott jüdischer Geschäfte statt, von dem auch Familie Löwenstein nicht verschont blieb. So wurde Bocholter Bürger*innen der Eintritt in jüdische Läden von uniformierten und bewaffneten SA-Trupps verweigert. Daraus resultierend wurde Familie Löwenstein gezwungen in die Nordstraße 16 zu zie-hen und ihr Manufakturwarenhaus aufzugeben. Damit wenigstens die 3 Kinder eine Chance zum Überleben hat-ten, wurden sie mit der Hoffnung auf eine baldige Wiedervereinigung mit dem Schiff nach England transportiert. Doch ihre Eltern Bertold und Martha wurden, wie viele andere jüdische Bocholter*innen, 1941 ins Ghetto Riga deportiert, wo sie 1942 ermordet wurden. In Gedenken an Bertold Löwenstein wurde außerdem eine Straße in der Bocholter Innenstadt nach ihm benannt.

Eine außergewöhnliche Geschichte führte uns weiter in die Königsstraße, in der die Familie Zytnik lebte. In der vom nationalsozialistischen Regime organisierten Pogromnacht des 09. November 1938 wurden tausende Juden verhaftet, misshandelt oder getötet. Erschreckenderweise schaute eine Vielzahl von Bocholter*innen nur zu oder applaudierte sogar. Doch als die Schlägertrupps bewaffnet vor dem Haus der Familie Zytnik standen, stellte sich ihr Nachbar, der ein hoch angesehener Inhaber eines Baugeschäftes war, schützend vor ihre Wohnung und konnte somit eine Attacke verhindern. Dieser solidarische Akt beweist uns noch heute, dass die Stimme jedes einzelnen Großes bewirken kann und nur der Mut und der Wille zur Gerechtigkeit erforderlich sind. Trotzdem konnten Edith und Manfred Zytnik der Aufteilung der jüdischen Bürger auf vier Judenhäuser, die durchgeführt wurde ,um eine schnellere Deportation in die Ghettos zu ermöglichen, nicht entfliehen.

Ein Ende fand unser Ausflug am Europaplatz. Hier erzählte uns Herr Oechtering erneut von der Pogromnacht, in der im gesamten Deutschen Reich Synagogen in Brand gesetzt wurden. Durch die Forderung, das Feuer zu löschen, , um seine eigene angrenzende Schreinerei nicht durch das Feuer zu gefährden, verhinderte der Schreinermeister Hülskamp die vollständige Zerstörung der Bocholter Synagoge im Jahr 1938. Vor dem 1942 stattfindenden Bombenangriff konnte sie jedoch nicht mehr bewahrt werden.

Uns Schüler haben diese unfassbaren Geschichten, die sich hinter den auf den ersten Blick unscheinbaren Stolpersteinen verbergen, zum Nachdenken angeregt. Natürlich haben wir bereits im Unterricht über die Ausmaße des Holocaust gehört und darüber gelesen, doch hautnah zu sehen, dass dieser schlimme Schicksalsschlag ehemalige Bocholter*innen traf, hat uns schockiert und das Thema greifbarer denn je gemacht.

Nun werden wir alle mit Sicherheit bei unserem nächsten Einkaufsbummel mit anderen und insbesondere offeneren Augen durch die Bocholter Innenstadt gehen und uns jedes Mal an diese einzigartige Führung entlang der Stolpersteine erinnern.

Ann-Kathrin, Luisa

 

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